ZUSAMMEN BAUEN

In einer Nacht hat Britt Angelis am Fenster gestanden und geweint. Damals, vor zwölf Jahren in Berlin. Da war die Entscheidung schon gefallen: sie würden nach Oldenburg gehen. Zuvor hatten Britt und ihr Mann Alexis lange überlegt, abgewogen und diskutiert – auf der einen Seite die Hauptstadt, das flirrende Leben in einer Metropole mit all seinen Möglichkeiten. Auf der anderen Seite die Heimatstadt, das renommierte Büro des Vaters, andere Möglichkeiten. Berliner Bekannte hatten ganz mitleidig geguckt, als sie von den Plänen der beiden hörten. Keiner sagte »Wow!«, als er Oldenburg hörte. Zumindest erstmal nicht. Aber sie ziehen tatsächlich dorthin und fangen an, ihre Welt zu verändern.

Der Schritt zurück in die Heimat ist für Britt und Alexis Angelis einer der größten, den sie je gegangen sind. Beide waren ein Jahr in Spanien gewesen, er hatte in Barcelona, sie in Madrid studiert und gearbeitet. In Berlin hatte sich Britt über 13 Jahre ein Netzwerk aufgebaut – beruflich und privat. Nach ihrem Studium der Kunstgeschichte bleibt sie in der Hauptstadt, arbeitet für das Vitra Design Museum, wirkt dort an Architektur- und Designausstellungen über Verner Panton, Ray und Charles Eames, Mies van der Rohe und Issey Miyake mit und organisiert den deutschen Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig. Alexis folgt nach Berlin, nachdem er sein Architekturstudium in Hannover beendet hat.

Die Zeiten sind damals schwer für Architekten, alle suchen Jobs und finden keine. Alexis Angelis aber fährt eines morgens in den Copyshop und kommt mit einer Anstellung nach Hause. Er hatte die Unterlagen für seine erste Bewerbung kopieren wollen, das sieht sein zukünftiger Chef, nimmt ihn direkt mit zum Bewerbungsgespräch und stellt ihn ein.

In den nächsten Jahren arbeitet Alexis in drei Berliner Architekturbüros und merkt dabei schnell, dass er etwas Eigenes machen will. „Ich bin ein Unternehmertyp, das war mir ganz früh klar“, sagt er. Und das erste eigene wird direkt sein Schlüsselprojekt. Da gibt es dieses Grundstück, diese Baulücke in der Alten Schönhauser Straße in Berlin-Mitte. Alexis beginnt in seiner Wohnung, an einem Projekt zu arbeiten. Er plant, konzipiert, präzisiert das Wohn- und Geschäftsgebäude, das die Baulücke schließen soll. „Ich war mir sicher, dass es funktioniert. Dass die Welt nach Berlin strebt“, erzählt Alexis. Dass viele Leute das anders sehen, merkt er, als er auf Investorensuche geht. Alle finden es gut, aber investieren will erstmal keiner. Zu riskant sei es, die Berlinerinnen und Berliner zu arm für teure Mieten, der Immobilienmarkt stagnierend, bekommt der junge Architekt zu hören. Aber Alexis Angelis glaubt an seinen Plan, und schließlich gelingt es ihm, einen Investor zu finden, die Finanzierung zu organisieren und seine Idee zu realisieren. Weil er das nicht alleine kann, wird es ein Projekt in Kooperation mit dem Oldenburger Büro. Und eines, bei dem sein heutiger Partner Horst Gumprecht und er zum ersten Mal zusammenarbeiten und merken, dass sie gemeinsam viel bewirken können. „Wir haben um jedes Detail gekämpft und uns für den Entwurf eingesetzt wie für unser letztes Hemd“, sagt Alexis. „Ich hatte die Ahnung, dass dies eine zentrale Referenz für die Zukunft sein wird.“ Und er sollte recht behalten: Das Projekt Alte Schönhauser Straße wird wahrgenommen, in der Fachpresse veröffentlicht und 2007 mit dem Deutschen Architekturpreis Zukunft Wohnen ausgezeichnet. Ein Erstlingsprojekt, an das zuerst kaum jemand glaubte. Die Deutsche Bauzeitung veröffentlicht damals einen Artikel über ihn mit dem Titel „Der Architekt als Entwickler“.

Es zeichnet sich aber auch ab, dass dieses Projekt eine Vorstufe ist zum Einstieg in das Büro des Vaters. Ein Büro mit langer Tradition und Geschichte, das sich über die Jahre enormen Respekt erarbeitet hat. Und doch einen neuen Impuls braucht.

VON EINER WELT IN EINE ANDERE

Gregor Angelis kommt 1959 von Griechenland nach Deutschland, um zu studieren. Von einer Welt in eine ganz andere. In seiner Heimat gibt es damals nur zwei Universitäten, auf denen man ohne Beziehungen keinen Platz bekommt. Nach Abschluss seines Studiums in Hannover tritt er seine erste Stelle in Münster an und kann mit Hilfe eines Professors seine Aufenthaltserlaubnis um zwei Jahre verlängern. Anschließend muss er seinen Militärdienst in Griechenland antreten, obwohl er inzwischen mit einer deutschen Architektin verheiratet ist und sie eine Tochter haben. Am Ende seiner Militärzeit schaltet Gregor Angelis ein Stellengesuch in der Bauwelt und bekommt einige Einladungen. Die möchte er eigentlich auch alle wahrnehmen, aber dann kommt es anders: Direkt nach seiner Wiederankunft in Deutschland erfährt er über einen Freund, dass der Oldenburger Architekt Rainer Herrmann einen Mitarbeiter sucht. Spontan beschließen die beiden Männer, Herrmann zu besuchen und fahren an einem Freitagnachmittag gegen 17 Uhr in dessen Büro in die Peterstraße. Am Montag drauf tritt Gregor Angelis seine Stelle dort an. „Rainer Herrmann kam die kleine steile Treppe im Empfangsbereich runter, und als ich den Typen sah, wusste ich: hier bleibe ich.“, erinnert sich Gregor Angelis. Rainer Herrmann war ein charismatischer Mensch, ein brillanter Architekt, ein Glücksfall für die Region.

Das Büro läuft gut, gewinnt in einem Sommer drei Wettbewerbe für Schulbauten und nach nur einem Jahr wird Gregor Angelis Partner. Er betreut die Neubauten, Herrmann die Aufträge der Kirche, das Büro wächst. Und aus der Partnerschaft entwickelt sich eine tiefe Freundschaft.

Dann endet alles ganz abrupt. Am 3. September 1978 verunglückt Rainer Herrmann. Er ertrinkt in der Nordsee. „Es war wohl sein Schicksal“, sagt Gregor Angelis. „Er war Segler, ein toller Schwimmer, kannte die Nordsee wie seine Westentasche, trotzdem hat ihn die aufkommende Flut raus aufs Meer getrieben.“ Für Gregor Angelis ist das nicht nur ein persönliches Unglück. Plötzlich steht er als junger Architekt am Anfang seiner Karriere ganz allein da.

Er meistert es und hält alle Bauherrn, auch die Kirchengemeinden, deren Ansprechpartner Rainer Herrmann war. „Wir arbeiten bis heute mit der evangelischen Kirche eng zusammen“, erzählt Angelis. Fünf Jahre lang leitet er das Büro allein, dann macht er die zwei langjährigen Mitarbeiter Siegfried Sachse und Manfred Beier zu Gesellschaftern und ändert den Namen in Angelis + Partner.

AUF NACH WISMAR

Onno Folkerts arbeitet seit 1980 im Büro. Direkt nach dem Studium stellt Gregor Angelis ihn ein und macht ihn 1995 gemeinsam mit zwei weiteren Kollegen zum Partner. Bereits drei Jahre vorher übernimmt er die Leitung der neu gegründeten Niederlassung in Wismar mit dem Schwerpunkt Denkmalpflege. Nach der Wende müssen viele Kirchen restauriert werden und Angelis & Partner bekommt über Empfehlungen drei große Aufträge:

Die St.-Georgen-Kirche in Wismar soll wiederaufgebaut werden – von ihr ragen noch drei Wände in den Himmel, das Dach ist eingestürzt.

Von der St.-Marien-Kirche zu Rostock steht nur noch der 80 Meter hohe Turm. Und die Nikolaikirche in Wismar bröckelt seit über vierzig Jahre vor sich hin.

Onno Folkerts Lieblingsprojekt aber ist das Zisterzienserkloster Chorin. 26 Jahre hat er daran gearbeitet und kennt buchstäblich jeden Stein: „Über die Ziegelgröße kann man viel über das Gebäude herausfinden, den Baubeginn zum Beispiel“, erklärt er. „Bei Eis und Schnee habe ich damals dort gestanden und jeden einzelnen Ziegel ausgemessen. Wenn man das gemacht hat, hängt man an einem Gebäude.“ Er muss lachen, man glaubt ihm, was er sagt. In diesem Sommer wurde das Projekt abgeschlossen. „Wobei wir unsere Projekte nie wirklich abgeben“, erzählt Folkerts. „Das Gemäuer hat ja wahnsinnig viele Verschleißflächen, da muss ständig was getan und weiter verbessert werden.“

Auch an den drei Kirchen wird noch heute gearbeitet. Immer wenn ein neuer Förderantrag bewilligt wird, kann weitergebaut werden. Allerdings reichen die Summen bei der Kirchenrestauration oft nur für ein kleines Stück. Allein die Wiederherstellung einer Orgel kann fünf Jahre dauern. Wenn Onno Folkerts die Fotos der Kirchen und des Klosters zeigt, tut er das mit dem Stolz eines Vaters, der Bilder seiner Kinder hervorholt. Man merkt, dass er das, was er tut, mit dem Herzen tut.

„Jedes dieser Gebäude hat ein Gesicht, das wir mit unserer Arbeit erhalten“, sagt er. Es sei sehr wichtig, so Folkerts, dass auch moderne Architektur Charakter habe, um die Zeit überdauern zu können.

„Alexis‘ Gebäude haben Gesichter. Jedes einzelne. Was er entwirft, ist immer besonders“, ergänzt er.

Und das stimmt. Man erkennt sie, findet den Stil wieder. Ob das Terminal House von EUROGATE in Wilhelmshaven oder die Kita der Carl-von-Ossietzky-Universität, das Clemens-August-Gymnasium in Cloppenburg, die Filiale der Deutschen Bundesbank in Oldenburg oder das Geschäftshaus in der Obernstraße in Bremen. Auch die Fassaden drei der größten Geschäfte in der Oldenburger Fußgängerzone hat das Büro erneuert: Zara, Leffers und Galeria Kaufhof. Diese Gebäude prägen die Innenstadt, stechen heraus, haben Charakter.

NEUE IMPULSE

Als Alexis Angelis 2005 nach Oldenburg kommt, prallen zwei Welten aufeinander. Da ist das etablierte Architekturbüro unter Gregor Angelis‘ Leitung, solide geführt und überall in der Region geschätzt und anerkannt. Und da ist der junge Architekt aus Berlin, den Kopf voller Ideen, mit dem Wunsch nach Erneuerung. Er hatte ein klares Bild im Kopf, wo er architektonisch hinwollte, was er im Büro verändern wollte. „Natürlich hatte die bisherige Arbeit eine riesige Qualität“, erklärt Alexis. „Ich spüre bis heute den Respekt, den sich das Büro unter der Leitung meines Vaters erarbeiten konnte. Aber ich musste einen neuen, eigenen Weg gehen.“

In sehr kurzer Zeit ändert Alexis sehr viel. „Das habe ich nicht strategisch entschieden, sondern auch aus Unerfahrenheit“, sagt er heute. „So einen schweren Tanker umzusteuern, kann anstrengender sein als mit drei Freunden neu anzufangen.“

GEMEINSAME VISIONEN

Einfacher wird die Sache, als Horst Gumprecht in die Partnerschaft einsteigt. Mit gemeinsamen Visionen kommt man leichter voran.

Horst Gumprecht pfriemelt einen Moment an dem kleinen Kasten mit den Schaltern neben der Tür im Atrium und nickt zufrieden, als sich endlich der Sonnenschutz außen in Bewegung setzt. „Das nächste Mal müssen wir eine automatische Steuerung einbauen“, murmelt er. Kann man das nachrüsten? „Ja, das müsste gehen. Das kommt auf die Agenda.“ Seit 1993 arbeitet Horst im Büro; 2008 steigt er in die Partnerschaft ein. Und ist damit da, wo er immer hinwollte – zumindest ein Teil von ihm. Schon während seines Architekturstudiums an der Fachhochschule Oldenburg liebäugelt er mit dem Büro in der Peterstraße und bewirbt sich auf eine Stellenausschreibung. Da er zu dem Zeitpunkt weder das Diplom noch Referenzen hat, bekommt er eine Absage. Also beginnt er nach dem Studium zunächst woanders, bis er eines Morgens eine Postkarte im Briefkasten findet: Falls er weiterhin Interesse an einer Anstellung habe, solle er sich bitte in der Peterstraße melden. In der Frühstückspause läuft er vom Büro aus zur nächsten Telefonzelle und vereinbart ein Vorstellungsgespräch mit Gregor Angelis und dessen damaligem Partner Siegfried Sachse. „Das war eine kuriose Situation“, erinnert sich Horst. „Wir saßen in dem kleinen Büro von Gregor Angelis und ich bin kaum zu Wort gekommen. Er hat die ganze Zeit geredet, und neben mir saß Siegfried Sachse mit verschränkten Armen und guckte mich von oben bis unten an.“ Am Montag drauf hat Horst Gumprecht seinen ersten Arbeitstag in der Peterstraße. Da er eine Tischlerausbildung hat, beginnt er, in der Ausführungsplanung und Bauleitung zu arbeiten und bekommt schnell die Chance, ein Projekt auf Usedom zu übernehmen. Aber die Praxis reicht ihm nicht. Er fängt an, Bücher über Baurecht zu lesen und entwickelt ein Faible für das Juristische. Die Bücher stehen noch heute im Regal, die Passion ist die alte. „Ich bin gern Architekt“, sagt er. „Aber nicht mit der Kreativität von Alexis – die Ideen kommen von ihm. Ich glaube aber, eine gute Beurteilungsgabe zu haben, was Qualität und Formgebung angeht.“ Er hat sich über die Jahre immenses Wissen angeeignet und kennt die juristischen Sachverhalte, weiß fast alles über Energieauflagen und baurechtliche Fallen, hat sich zum Energieberater ausbilden lassen. „Man muss all diese Themen beherrschen, die Grundlagen kennen“, sagt er, „sei es im Baurecht, der Bauphysik oder der Energieeinsparverordnung. Das gibt uns die Möglichkeit, uns innerhalb all der Zwänge, die es nunmal gibt, so frei wie möglich zu bewegen und überhaupt kreative Konzepte erschaffen zu können.“ Er flankiert die Ideen, die im Büro entstehen, mit Baumanagement-Kompetenz. Er stellt die Projekte in Zahlen und Tabellen dar, berechnet die Kosten und die Zeitabläufe, ist für die Qualitätssicherung im Planungsprozess und beim Bauen zuständig. „Ich habe hier sozusagen den Part des Wissenden.“

Aber da ist noch mehr. Auch wenn er philosophiert, über Kultur und Soziologie spricht, spürt man seine Begeisterung. „Das ist fast sowas wie Erleuchtung, die ich erlebe, wenn ich gute Bücher lese. Sätze, in denen so viel ausgesagt wird, das beglückt mich maßlos.“ Und deshalb hat er vor 18 Jahren auch eine kurze Auszeit vom Architekturbüro genommen, um Soziologie und Philosophie zu studieren. „Wir leben davon, dass wir alle unsere Köpfe möglichst frei, kreativ und effektiv benutzen können«, sagt Horst, das sei auch für die Arbeit als Architekt und als Unternehmer immens wichtig. „Wir müssen bei Angelis & Partner die Bedingungen schaffen: ein Arbeitsklima, das es den Leuten ermöglicht, Verantwortung zu erkennen und zu übernehmen und ihr Leistungsvermögen auszuschöpfen, aber auch mal querzudenken.“

Dass Alexis und er sich gefunden haben, das Oldenburger Büro zusammen leiten, ist für Horst die perfekte Paarung: „Wir sind zwei Pole, die sich unheimlich gut ergänzen und nonverbal verstehen.“ Das haben sie beide bereits damals in Berlin gemerkt: die Alte Schönhauser Straße war nicht nur für Alexis ein Schlüsselprojekt, sondern auch für Horst, der dort die Projektleitung übernahm. „Alexis hatte mich damals sofort“, sagt Horst. „Ich habe unmittelbar verstanden, worum es ihm geht und das entsprach auch meinem Ziel. Das Projekt in Berlin war anders, neu und mutig. Konzeptionell, baukonstruktiv und technologisch, mit hohem Anspruch bis ins Detail durchdacht.“

Was Horst und Alexis ärgert, ist das veraltete Bild, das manche Menschen von einem Architekten im Kopf haben. Mit Bleistiften hinter den Ohren über die Klemmbretter gebeugt. „Die Leute denken oft, wir würden überlegen, was uns gut gefällt und das dann aufzeichnen“, sagt Alexis. „Unsere Herangehensweise ist aber eine ganz andere.“ Er sitzt an seinem Schreibtisch, das weiße Hemd etwas hochgekrempelt. Für ihn agieren gute Architektinnen und Architekten in den ersten Arbeitsschritten wie Ärztinnen und Ärzte. Zuvor muss man eine Anamnese machen. Muss verstehen, was das Problem ist und es strategisch lösen. „Wenn ich ein Haus für jemanden baue, muss ich erkennen, wie die Person lebt“, erklärt er. „Es gibt immer Zwänge. Aber in diesem engen Rahmen muss ich das Maximale für alle Nutzungsformen herausschälen.“

Beim Waffenplatz zum Beispiel. Da war ein Ort, den keiner mochte, wo keiner sein wollte, weil niemand ein Rezept dafür fand. Die meisten Flächen standen leer, die wenigen Geschäfte, die es noch gab, hatten es schwer. Klar war, hier brauchte man eine Strategie. Eine starke.

„Wir haben uns gefragt: Was müssen wir tun, damit der Ort sein Potential wieder entfalten kann?“, erklärt Alexis. „Denn wenn der Ort funktioniert, funktioniert das Projekt auch.“

ORT MIT POTENTIAL

Diese Projektentwicklung fordert alle heraus, ist unkonventionell und anders. Es gibt keine Nachweise, nur die mutige These, dass Angelis & Partner mit seinem Beitrag den Ort verändert und damit erwirkt, dass das Projekt selber wirtschaftlich wird. Geplant ist eine großstädtische Mischung aus urbanem Wohnen, Büros, Läden und Gastronomie. Die Stadt soll belebt, der Waffenplatz gestärkt werden.

„Wir mussten Leute finden, die uns vertrauen, auf unsere These setzen.“ Und die finden sie. Private Investoren und Investorinnen ermöglichen den Bau. Und schnell wird bei A&P klar: Wir wollen dort auch hin! Die Idee vom neuen Büro im selbst konzipierten Gebäude ist geboren. Und das gefällt natürlich auch den Investierenden.

Der Umzug in die neuen Räume ist für Alexis vergleichbar mit dem Erwachsenwerden. Plötzlich kann man in einem Umfeld arbeiten, das der eigenen Philosophie entspricht und diese leben. Die Leute kommen und staunen. Sie erkennen, dass Büroräume auch anders sein können.

Und ja: Schon von außen denkt man „Wow!“, wenn man vor dem Quartier am Waffenplatz steht. Unten die schönste Modeboutique der Stadt, daneben großstädtische Gastronomie. Oben Wohnungen, Arztpraxen, Agenturen – und das Architekturbüro.

GEBAUTE PHILOSOPHIE

Kein Großraum, keine Zimmerchen – eine offene Bürolandschaft mit vielen Nischen, warm und belebt wirkt es. Überall Rückzugsorte, überall Raum für Gemeinschaft. Und dann betritt man das Atrium. Wenn die Floskel „Herzstück“ irgendwo passt, dann hier. Alles ist licht und hell – sogar Laiinnen und Laien beginnen zu begreifen, was gute Architektur alles schaffen kann und staunen die 7,37 Meter hohen Decken hinauf. Am Rand führt eine weiße Treppe ins obere Stockwerk – „Raum für Ideen“ prangt in leuchtenden Lettern an der grauen Wand. Die Mitarbeitenden schauen kurz auf, lächeln und reden weiter, als Alexis hereinschneit und mit einem „Hallo Hallo!„ schnellen Schrittes zur großen Gastro-Espressomaschine eilt. Neulich hat ein junger Kollege die Chefs gefragt, ob er nicht seine Hochzeit im Atrium feiern dürfe. Natürlich durfte er.

Seit Anfang des Jahres ist Britt Angelis auch offiziell Teil der Geschäftsführung. Sie macht seit 2009 die Finanzen, die Kommunikation und das Personalmanagement.

Mit ihr, Onno Folkerts, Horst Gumprecht und Alexis Angelis kümmern sich vier Leute um die strategische Ausrichtung des Büros, die – erst für sich und dann alle gemeinsam – enormes Fachwissen zusammenbringen.

Vermisst Britt denn ihren alten Job im Kulturbereich manchmal? Berlin? „Natürlich denke ich oft und gern zurück an die Zeit. Aber ich trage auch gerne Verantwortung und gestalte mit. Kreativität und strategisches Denken sind ja für die Ausrichtung und Führung eines Unternehmens genauso wichtig wie in der Kultur.“

Auch Alexis würde den Schritt hierher wieder gehen. „Es ist schon wichtig, dass Oldenburg meine Heimat ist und richtig, dass wir hier gelandet sind“, sagt er. „Während unserer Zeit in Spanien haben wir überlegt, dort zu bleiben. Aber heute weiß ich, Heimat spielt eine Rolle.“ Und mittlerweile erlebt er sie ganz neu.

Natürlich gibt es Unterschiede zum Leben in einer Metropole wie Berlin. „Anfang der 2000er-Jahre haben die Ideen dort quasi auf der Straße gelegen – hier musste man erstmal danach suchen“, sagt Alexis. „Aber ich habe dann erlebt, wie gut es ist, eine Region gemeinsam mit anderen zu prägen, mit dem, was du tust, eine Kultur voranzubringen.“ Durch zwei, drei tolle Projekte, neue Restaurants, besondere Veranstaltungen, die Arbeit von Initiativen im Kulturbereich verändert sich ein Ort, es kommen Impulse hinzu und plötzlich erreicht die Provinz einen Level, der vorher nicht da war und der manchmal auch woanders wahrgenommen wird.

DAS BESTE AUS DER REGION

Bei Angelis & Partner ist es wichtig, sich mit anderen zu vernetzen und gemeinsam Themen neu zu denken. So wie neulich beim Denksalon für Architektur und Energie. Hierfür lud das Büro gemeinsam mit einem Partner rund vierzig Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Politik und Lehre abends ins Atrium. An jenem Abend saßen Hochschullehrende neben Vorständen von Oldenburger Banken; die Baudezernentin der Stadt neben Leuten von IT-Start-ups; Führungskräfte von Energieversorgern neben Immobilienleuten. Und sie alle diskutierten über die Frage, wie sich die Energiewende auf den Städtebau und die Architektur auswirkt, wie sie unser Verständnis verändert, welche Chancen für die Region entstehen. Am Ende dieses Abends waren Ideen geboren und alle Teilnehmenden einen Schritt weiter gekommen. „So ein Treffen wäre in Berlin gar nicht möglich gewesen, da hätte man all die Leute gar nicht an einen Tisch bekommen“, sagt Alexis. „Und es ist ein gutes Beispiel dafür, was man hier in der Region alles schaffen und bewegen kann.“ Das Team brennt mit Passion für Innovation und Veränderung. Und will das Beste aus der Region herausholen.

Ins Atrium knallt die tiefliegende Wintersonne. Horst Gumprecht spielt Tischkicker mit einem jungen Kollegen. Britt Angelis sitzt nach einer Besprechung mit einem Cappuccino an einem der kleinen Tische und schaut durch die Fensterwand nach draußen auf den Waffenplatz. Dort herrscht das übliche frühe Mittagsgewusel: Geschäftsleute, die essen gehen; junge Frauen, die in ihrer Pause schnell noch in der Boutique vorbeischauen. Am hinteren Tisch arbeitet Alexis mit seinem Entwurfsteam, und alle grübeln über einer Skizze. Es reicht nicht, schöne Räume zu haben – die Haltung muss stimmen. Man muss seine Welt verändern wollen und es auch tun.

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ZUSAMMEN BAUEN

In einer Nacht hat Britt Angelis am Fenster gestanden und geweint. Damals, vor zwölf Jahren in Berlin. Da war die Entscheidung schon gefallen: sie würden nach Oldenburg gehen. Zuvor hatten Britt und ihr Mann Alexis lange überlegt, abgewogen und diskutiert – auf der einen Seite die Hauptstadt, das flirrende Leben in einer Metropole mit all seinen Möglichkeiten. Auf der anderen Seite die Heimatstadt, das renommierte Büro des Vaters, andere Möglichkeiten. Berliner Bekannte hatten ganz mitleidig geguckt, als sie von den Plänen der beiden hörten. Keiner sagte „Wow!", als er Oldenburg hörte. Zumindest erstmal nicht. Aber sie ziehen tatsächlich dorthin und fangen an, ihre Welt zu verändern.

In einer Nacht hat Britt Angelis am Fenster gestanden und geweint. Damals, vor zwölf Jahren in Berlin. Da war die Entscheidung schon gefallen: sie würden nach Oldenburg gehen. Zuvor hatten Britt und ihr Mann Alexis lange überlegt, abgewogen und diskutiert – auf der einen Seite die Hauptstadt, das flirrende Leben in einer Metropole mit all seinen Möglichkeiten. Auf der anderen Seite die Heimatstadt, das renommierte Büro des Vaters, andere Möglichkeiten. Berliner Bekannte hatten ganz mitleidig geguckt, als sie von den Plänen der beiden hörten. Keiner sagte »Wow!«, als er Oldenburg hörte. Zumindest erstmal nicht. Aber sie ziehen tatsächlich dorthin und fangen an, ihre Welt zu verändern.

Der Schritt zurück in die Heimat ist für Britt und Alexis Angelis einer der größten, den sie je gegangen sind. Beide waren ein Jahr in Spanien gewesen, er hatte in Barcelona, sie in Madrid studiert und gearbeitet. In Berlin hatte sich Britt über 13 Jahre ein Netzwerk aufgebaut – beruflich und privat. Nach ihrem Studium der Kunstgeschichte bleibt sie in der Hauptstadt, arbeitet für das Vitra Design Museum, wirkt dort an Architektur- und Designausstellungen über Verner Panton, Ray und Charles Eames, Mies van der Rohe und Issey Miyake mit und organisiert den deutschen Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig. Alexis folgt nach Berlin, nachdem er sein Architekturstudium in Hannover beendet hat.

Die Zeiten sind damals schwer für Architekten, alle suchen Jobs und finden keine. Alexis Angelis aber fährt eines morgens in den Copyshop und kommt mit einer Anstellung nach Hause. Er hatte die Unterlagen für seine erste Bewerbung kopieren wollen, das sieht sein zukünftiger Chef, nimmt ihn direkt mit zum Bewerbungsgespräch und stellt ihn ein.

In den nächsten Jahren arbeitet Alexis in drei Berliner Architekturbüros und merkt dabei schnell, dass er etwas Eigenes machen will. „Ich bin ein Unternehmertyp, das war mir ganz früh klar“, sagt er. Und das erste eigene wird direkt sein Schlüsselprojekt. Da gibt es dieses Grundstück, diese Baulücke in der Alten Schönhauser Straße in Berlin-Mitte. Alexis beginnt in seiner Wohnung, an einem Projekt zu arbeiten. Er plant, konzipiert, präzisiert das Wohn- und Geschäftsgebäude, das die Baulücke schließen soll. „Ich war mir sicher, dass es funktioniert. Dass die Welt nach Berlin strebt“, erzählt Alexis. Dass viele Leute das anders sehen, merkt er, als er auf Investorensuche geht. Alle finden es gut, aber investieren will erstmal keiner. Zu riskant sei es, die Berlinerinnen und Berliner zu arm für teure Mieten, der Immobilienmarkt stagnierend, bekommt der junge Architekt zu hören. Aber Alexis Angelis glaubt an seinen Plan, und schließlich gelingt es ihm, einen Investor zu finden, die Finanzierung zu organisieren und seine Idee zu realisieren. Weil er das nicht alleine kann, wird es ein Projekt in Kooperation mit dem Oldenburger Büro. Und eines, bei dem sein heutiger Partner Horst Gumprecht und er zum ersten Mal zusammenarbeiten und merken, dass sie gemeinsam viel bewirken können. „Wir haben um jedes Detail gekämpft und uns für den Entwurf eingesetzt wie für unser letztes Hemd“, sagt Alexis. „Ich hatte die Ahnung, dass dies eine zentrale Referenz für die Zukunft sein wird.“ Und er sollte recht behalten: Das Projekt Alte Schönhauser Straße wird wahrgenommen, in der Fachpresse veröffentlicht und 2007 mit dem Deutschen Architekturpreis Zukunft Wohnen ausgezeichnet. Ein Erstlingsprojekt, an das zuerst kaum jemand glaubte. Die Deutsche Bauzeitung veröffentlicht damals einen Artikel über ihn mit dem Titel „Der Architekt als Entwickler“.

Es zeichnet sich aber auch ab, dass dieses Projekt eine Vorstufe ist zum Einstieg in das Büro des Vaters. Ein Büro mit langer Tradition und Geschichte, das sich über die Jahre enormen Respekt erarbeitet hat. Und doch einen neuen Impuls braucht.

VON EINER WELT IN EINE ANDERE

Gregor Angelis kommt 1959 von Griechenland nach Deutschland, um zu studieren. Von einer Welt in eine ganz andere. In seiner Heimat gibt es damals nur zwei Universitäten, auf denen man ohne Beziehungen keinen Platz bekommt. Nach Abschluss seines Studiums in Hannover tritt er seine erste Stelle in Münster an und kann mit Hilfe eines Professors seine Aufenthaltserlaubnis um zwei Jahre verlängern. Anschließend muss er seinen Militärdienst in Griechenland antreten, obwohl er inzwischen mit einer deutschen Architektin verheiratet ist und sie eine Tochter haben. Am Ende seiner Militärzeit schaltet Gregor Angelis ein Stellengesuch in der Bauwelt und bekommt einige Einladungen. Die möchte er eigentlich auch alle wahrnehmen, aber dann kommt es anders: Direkt nach seiner Wiederankunft in Deutschland erfährt er über einen Freund, dass der Oldenburger Architekt Rainer Herrmann einen Mitarbeiter sucht. Spontan beschließen die beiden Männer, Herrmann zu besuchen und fahren an einem Freitagnachmittag gegen 17 Uhr in dessen Büro in die Peterstraße. Am Montag drauf tritt Gregor Angelis seine Stelle dort an. „Rainer Herrmann kam die kleine steile Treppe im Empfangsbereich runter, und als ich den Typen sah, wusste ich: hier bleibe ich.“, erinnert sich Gregor Angelis. Rainer Herrmann war ein charismatischer Mensch, ein brillanter Architekt, ein Glücksfall für die Region.

Das Büro läuft gut, gewinnt in einem Sommer drei Wettbewerbe für Schulbauten und nach nur einem Jahr wird Gregor Angelis Partner. Er betreut die Neubauten, Herrmann die Aufträge der Kirche, das Büro wächst. Und aus der Partnerschaft entwickelt sich eine tiefe Freundschaft.

Dann endet alles ganz abrupt. Am 3. September 1978 verunglückt Rainer Herrmann. Er ertrinkt in der Nordsee. „Es war wohl sein Schicksal“, sagt Gregor Angelis. „Er war Segler, ein toller Schwimmer, kannte die Nordsee wie seine Westentasche, trotzdem hat ihn die aufkommende Flut raus aufs Meer getrieben.“ Für Gregor Angelis ist das nicht nur ein persönliches Unglück. Plötzlich steht er als junger Architekt am Anfang seiner Karriere ganz allein da.

Er meistert es und hält alle Bauherrn, auch die Kirchengemeinden, deren Ansprechpartner Rainer Herrmann war. „Wir arbeiten bis heute mit der evangelischen Kirche eng zusammen“, erzählt Angelis. Fünf Jahre lang leitet er das Büro allein, dann macht er die zwei langjährigen Mitarbeiter Siegfried Sachse und Manfred Beier zu Gesellschaftern und ändert den Namen in Angelis + Partner.

AUF NACH WISMAR

Onno Folkerts arbeitet seit 1980 im Büro. Direkt nach dem Studium stellt Gregor Angelis ihn ein und macht ihn 1995 gemeinsam mit zwei weiteren Kollegen zum Partner. Bereits drei Jahre vorher übernimmt er die Leitung der neu gegründeten Niederlassung in Wismar mit dem Schwerpunkt Denkmalpflege. Nach der Wende müssen viele Kirchen restauriert werden und Angelis & Partner bekommt über Empfehlungen drei große Aufträge:

Die St.-Georgen-Kirche in Wismar soll wiederaufgebaut werden – von ihr ragen noch drei Wände in den Himmel, das Dach ist eingestürzt.

Von der St.-Marien-Kirche zu Rostock steht nur noch der 80 Meter hohe Turm. Und die Nikolaikirche in Wismar bröckelt seit über vierzig Jahre vor sich hin.

Onno Folkerts Lieblingsprojekt aber ist das Zisterzienserkloster Chorin. 26 Jahre hat er daran gearbeitet und kennt buchstäblich jeden Stein: „Über die Ziegelgröße kann man viel über das Gebäude herausfinden, den Baubeginn zum Beispiel“, erklärt er. „Bei Eis und Schnee habe ich damals dort gestanden und jeden einzelnen Ziegel ausgemessen. Wenn man das gemacht hat, hängt man an einem Gebäude.“ Er muss lachen, man glaubt ihm, was er sagt. In diesem Sommer wurde das Projekt abgeschlossen. „Wobei wir unsere Projekte nie wirklich abgeben“, erzählt Folkerts. „Das Gemäuer hat ja wahnsinnig viele Verschleißflächen, da muss ständig was getan und weiter verbessert werden.“

Auch an den drei Kirchen wird noch heute gearbeitet. Immer wenn ein neuer Förderantrag bewilligt wird, kann weitergebaut werden. Allerdings reichen die Summen bei der Kirchenrestauration oft nur für ein kleines Stück. Allein die Wiederherstellung einer Orgel kann fünf Jahre dauern. Wenn Onno Folkerts die Fotos der Kirchen und des Klosters zeigt, tut er das mit dem Stolz eines Vaters, der Bilder seiner Kinder hervorholt. Man merkt, dass er das, was er tut, mit dem Herzen tut.

„Jedes dieser Gebäude hat ein Gesicht, das wir mit unserer Arbeit erhalten“, sagt er. Es sei sehr wichtig, so Folkerts, dass auch moderne Architektur Charakter habe, um die Zeit überdauern zu können.

„Alexis‘ Gebäude haben Gesichter. Jedes einzelne. Was er entwirft, ist immer besonders“, ergänzt er.

Und das stimmt. Man erkennt sie, findet den Stil wieder. Ob das Terminal House von EUROGATE in Wilhelmshaven oder die Kita der Carl-von-Ossietzky-Universität, das Clemens-August-Gymnasium in Cloppenburg, die Filiale der Deutschen Bundesbank in Oldenburg oder das Geschäftshaus in der Obernstraße in Bremen. Auch die Fassaden drei der größten Geschäfte in der Oldenburger Fußgängerzone hat das Büro erneuert: Zara, Leffers und Galeria Kaufhof. Diese Gebäude prägen die Innenstadt, stechen heraus, haben Charakter.

NEUE IMPULSE

Als Alexis Angelis 2005 nach Oldenburg kommt, prallen zwei Welten aufeinander. Da ist das etablierte Architekturbüro unter Gregor Angelis‘ Leitung, solide geführt und überall in der Region geschätzt und anerkannt. Und da ist der junge Architekt aus Berlin, den Kopf voller Ideen, mit dem Wunsch nach Erneuerung. Er hatte ein klares Bild im Kopf, wo er architektonisch hinwollte, was er im Büro verändern wollte. „Natürlich hatte die bisherige Arbeit eine riesige Qualität“, erklärt Alexis. „Ich spüre bis heute den Respekt, den sich das Büro unter der Leitung meines Vaters erarbeiten konnte. Aber ich musste einen neuen, eigenen Weg gehen.“

In sehr kurzer Zeit ändert Alexis sehr viel. „Das habe ich nicht strategisch entschieden, sondern auch aus Unerfahrenheit“, sagt er heute. „So einen schweren Tanker umzusteuern, kann anstrengender sein als mit drei Freunden neu anzufangen.“

GEMEINSAME VISIONEN

Einfacher wird die Sache, als Horst Gumprecht in die Partnerschaft einsteigt. Mit gemeinsamen Visionen kommt man leichter voran.

Horst Gumprecht pfriemelt einen Moment an dem kleinen Kasten mit den Schaltern neben der Tür im Atrium und nickt zufrieden, als sich endlich der Sonnenschutz außen in Bewegung setzt. „Das nächste Mal müssen wir eine automatische Steuerung einbauen“, murmelt er. Kann man das nachrüsten? „Ja, das müsste gehen. Das kommt auf die Agenda.“ Seit 1993 arbeitet Horst im Büro; 2008 steigt er in die Partnerschaft ein. Und ist damit da, wo er immer hinwollte – zumindest ein Teil von ihm. Schon während seines Architekturstudiums an der Fachhochschule Oldenburg liebäugelt er mit dem Büro in der Peterstraße und bewirbt sich auf eine Stellenausschreibung. Da er zu dem Zeitpunkt weder das Diplom noch Referenzen hat, bekommt er eine Absage. Also beginnt er nach dem Studium zunächst woanders, bis er eines Morgens eine Postkarte im Briefkasten findet: Falls er weiterhin Interesse an einer Anstellung habe, solle er sich bitte in der Peterstraße melden. In der Frühstückspause läuft er vom Büro aus zur nächsten Telefonzelle und vereinbart ein Vorstellungsgespräch mit Gregor Angelis und dessen damaligem Partner Siegfried Sachse. „Das war eine kuriose Situation“, erinnert sich Horst. „Wir saßen in dem kleinen Büro von Gregor Angelis und ich bin kaum zu Wort gekommen. Er hat die ganze Zeit geredet, und neben mir saß Siegfried Sachse mit verschränkten Armen und guckte mich von oben bis unten an.“ Am Montag drauf hat Horst Gumprecht seinen ersten Arbeitstag in der Peterstraße. Da er eine Tischlerausbildung hat, beginnt er, in der Ausführungsplanung und Bauleitung zu arbeiten und bekommt schnell die Chance, ein Projekt auf Usedom zu übernehmen. Aber die Praxis reicht ihm nicht. Er fängt an, Bücher über Baurecht zu lesen und entwickelt ein Faible für das Juristische. Die Bücher stehen noch heute im Regal, die Passion ist die alte. „Ich bin gern Architekt“, sagt er. „Aber nicht mit der Kreativität von Alexis – die Ideen kommen von ihm. Ich glaube aber, eine gute Beurteilungsgabe zu haben, was Qualität und Formgebung angeht.“ Er hat sich über die Jahre immenses Wissen angeeignet und kennt die juristischen Sachverhalte, weiß fast alles über Energieauflagen und baurechtliche Fallen, hat sich zum Energieberater ausbilden lassen. „Man muss all diese Themen beherrschen, die Grundlagen kennen“, sagt er, „sei es im Baurecht, der Bauphysik oder der Energieeinsparverordnung. Das gibt uns die Möglichkeit, uns innerhalb all der Zwänge, die es nunmal gibt, so frei wie möglich zu bewegen und überhaupt kreative Konzepte erschaffen zu können.“ Er flankiert die Ideen, die im Büro entstehen, mit Baumanagement-Kompetenz. Er stellt die Projekte in Zahlen und Tabellen dar, berechnet die Kosten und die Zeitabläufe, ist für die Qualitätssicherung im Planungsprozess und beim Bauen zuständig. „Ich habe hier sozusagen den Part des Wissenden.“

Aber da ist noch mehr. Auch wenn er philosophiert, über Kultur und Soziologie spricht, spürt man seine Begeisterung. „Das ist fast sowas wie Erleuchtung, die ich erlebe, wenn ich gute Bücher lese. Sätze, in denen so viel ausgesagt wird, das beglückt mich maßlos.“ Und deshalb hat er vor 18 Jahren auch eine kurze Auszeit vom Architekturbüro genommen, um Soziologie und Philosophie zu studieren. „Wir leben davon, dass wir alle unsere Köpfe möglichst frei, kreativ und effektiv benutzen können«, sagt Horst, das sei auch für die Arbeit als Architekt und als Unternehmer immens wichtig. „Wir müssen bei Angelis & Partner die Bedingungen schaffen: ein Arbeitsklima, das es den Leuten ermöglicht, Verantwortung zu erkennen und zu übernehmen und ihr Leistungsvermögen auszuschöpfen, aber auch mal querzudenken.“

Dass Alexis und er sich gefunden haben, das Oldenburger Büro zusammen leiten, ist für Horst die perfekte Paarung: „Wir sind zwei Pole, die sich unheimlich gut ergänzen und nonverbal verstehen.“ Das haben sie beide bereits damals in Berlin gemerkt: die Alte Schönhauser Straße war nicht nur für Alexis ein Schlüsselprojekt, sondern auch für Horst, der dort die Projektleitung übernahm. „Alexis hatte mich damals sofort“, sagt Horst. „Ich habe unmittelbar verstanden, worum es ihm geht und das entsprach auch meinem Ziel. Das Projekt in Berlin war anders, neu und mutig. Konzeptionell, baukonstruktiv und technologisch, mit hohem Anspruch bis ins Detail durchdacht.“

Was Horst und Alexis ärgert, ist das veraltete Bild, das manche Menschen von einem Architekten im Kopf haben. Mit Bleistiften hinter den Ohren über die Klemmbretter gebeugt. „Die Leute denken oft, wir würden überlegen, was uns gut gefällt und das dann aufzeichnen“, sagt Alexis. „Unsere Herangehensweise ist aber eine ganz andere.“ Er sitzt an seinem Schreibtisch, das weiße Hemd etwas hochgekrempelt. Für ihn agieren gute Architektinnen und Architekten in den ersten Arbeitsschritten wie Ärztinnen und Ärzte. Zuvor muss man eine Anamnese machen. Muss verstehen, was das Problem ist und es strategisch lösen. „Wenn ich ein Haus für jemanden baue, muss ich erkennen, wie die Person lebt“, erklärt er. „Es gibt immer Zwänge. Aber in diesem engen Rahmen muss ich das Maximale für alle Nutzungsformen herausschälen.“

Beim Waffenplatz zum Beispiel. Da war ein Ort, den keiner mochte, wo keiner sein wollte, weil niemand ein Rezept dafür fand. Die meisten Flächen standen leer, die wenigen Geschäfte, die es noch gab, hatten es schwer. Klar war, hier brauchte man eine Strategie. Eine starke.

„Wir haben uns gefragt: Was müssen wir tun, damit der Ort sein Potential wieder entfalten kann?“, erklärt Alexis. „Denn wenn der Ort funktioniert, funktioniert das Projekt auch.“

ORT MIT POTENTIAL

Diese Projektentwicklung fordert alle heraus, ist unkonventionell und anders. Es gibt keine Nachweise, nur die mutige These, dass Angelis & Partner mit seinem Beitrag den Ort verändert und damit erwirkt, dass das Projekt selber wirtschaftlich wird. Geplant ist eine großstädtische Mischung aus urbanem Wohnen, Büros, Läden und Gastronomie. Die Stadt soll belebt, der Waffenplatz gestärkt werden.

„Wir mussten Leute finden, die uns vertrauen, auf unsere These setzen.“ Und die finden sie. Private Investoren und Investorinnen ermöglichen den Bau. Und schnell wird bei A&P klar: Wir wollen dort auch hin! Die Idee vom neuen Büro im selbst konzipierten Gebäude ist geboren. Und das gefällt natürlich auch den Investierenden.

Der Umzug in die neuen Räume ist für Alexis vergleichbar mit dem Erwachsenwerden. Plötzlich kann man in einem Umfeld arbeiten, das der eigenen Philosophie entspricht und diese leben. Die Leute kommen und staunen. Sie erkennen, dass Büroräume auch anders sein können.

Und ja: Schon von außen denkt man „Wow!“, wenn man vor dem Quartier am Waffenplatz steht. Unten die schönste Modeboutique der Stadt, daneben großstädtische Gastronomie. Oben Wohnungen, Arztpraxen, Agenturen – und das Architekturbüro.

GEBAUTE PHILOSOPHIE

Kein Großraum, keine Zimmerchen – eine offene Bürolandschaft mit vielen Nischen, warm und belebt wirkt es. Überall Rückzugsorte, überall Raum für Gemeinschaft. Und dann betritt man das Atrium. Wenn die Floskel „Herzstück“ irgendwo passt, dann hier. Alles ist licht und hell – sogar Laiinnen und Laien beginnen zu begreifen, was gute Architektur alles schaffen kann und staunen die 7,37 Meter hohen Decken hinauf. Am Rand führt eine weiße Treppe ins obere Stockwerk – „Raum für Ideen“ prangt in leuchtenden Lettern an der grauen Wand. Die Mitarbeitenden schauen kurz auf, lächeln und reden weiter, als Alexis hereinschneit und mit einem „Hallo Hallo!„ schnellen Schrittes zur großen Gastro-Espressomaschine eilt. Neulich hat ein junger Kollege die Chefs gefragt, ob er nicht seine Hochzeit im Atrium feiern dürfe. Natürlich durfte er.

Seit Anfang des Jahres ist Britt Angelis auch offiziell Teil der Geschäftsführung. Sie macht seit 2009 die Finanzen, die Kommunikation und das Personalmanagement.

Mit ihr, Onno Folkerts, Horst Gumprecht und Alexis Angelis kümmern sich vier Leute um die strategische Ausrichtung des Büros, die – erst für sich und dann alle gemeinsam – enormes Fachwissen zusammenbringen.

Vermisst Britt denn ihren alten Job im Kulturbereich manchmal? Berlin? „Natürlich denke ich oft und gern zurück an die Zeit. Aber ich trage auch gerne Verantwortung und gestalte mit. Kreativität und strategisches Denken sind ja für die Ausrichtung und Führung eines Unternehmens genauso wichtig wie in der Kultur.“

Auch Alexis würde den Schritt hierher wieder gehen. „Es ist schon wichtig, dass Oldenburg meine Heimat ist und richtig, dass wir hier gelandet sind“, sagt er. „Während unserer Zeit in Spanien haben wir überlegt, dort zu bleiben. Aber heute weiß ich, Heimat spielt eine Rolle.“ Und mittlerweile erlebt er sie ganz neu.

Natürlich gibt es Unterschiede zum Leben in einer Metropole wie Berlin. „Anfang der 2000er-Jahre haben die Ideen dort quasi auf der Straße gelegen – hier musste man erstmal danach suchen“, sagt Alexis. „Aber ich habe dann erlebt, wie gut es ist, eine Region gemeinsam mit anderen zu prägen, mit dem, was du tust, eine Kultur voranzubringen.“ Durch zwei, drei tolle Projekte, neue Restaurants, besondere Veranstaltungen, die Arbeit von Initiativen im Kulturbereich verändert sich ein Ort, es kommen Impulse hinzu und plötzlich erreicht die Provinz einen Level, der vorher nicht da war und der manchmal auch woanders wahrgenommen wird.

DAS BESTE AUS DER REGION

Bei Angelis & Partner ist es wichtig, sich mit anderen zu vernetzen und gemeinsam Themen neu zu denken. So wie neulich beim Denksalon für Architektur und Energie. Hierfür lud das Büro gemeinsam mit einem Partner rund vierzig Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Politik und Lehre abends ins Atrium. An jenem Abend saßen Hochschullehrende neben Vorständen von Oldenburger Banken; die Baudezernentin der Stadt neben Leuten von IT-Start-ups; Führungskräfte von Energieversorgern neben Immobilienleuten. Und sie alle diskutierten über die Frage, wie sich die Energiewende auf den Städtebau und die Architektur auswirkt, wie sie unser Verständnis verändert, welche Chancen für die Region entstehen. Am Ende dieses Abends waren Ideen geboren und alle Teilnehmenden einen Schritt weiter gekommen. „So ein Treffen wäre in Berlin gar nicht möglich gewesen, da hätte man all die Leute gar nicht an einen Tisch bekommen“, sagt Alexis. „Und es ist ein gutes Beispiel dafür, was man hier in der Region alles schaffen und bewegen kann.“ Das Team brennt mit Passion für Innovation und Veränderung. Und will das Beste aus der Region herausholen.

Ins Atrium knallt die tiefliegende Wintersonne. Horst Gumprecht spielt Tischkicker mit einem jungen Kollegen. Britt Angelis sitzt nach einer Besprechung mit einem Cappuccino an einem der kleinen Tische und schaut durch die Fensterwand nach draußen auf den Waffenplatz. Dort herrscht das übliche frühe Mittagsgewusel: Geschäftsleute, die essen gehen; junge Frauen, die in ihrer Pause schnell noch in der Boutique vorbeischauen. Am hinteren Tisch arbeitet Alexis mit seinem Entwurfsteam, und alle grübeln über einer Skizze. Es reicht nicht, schöne Räume zu haben – die Haltung muss stimmen. Man muss seine Welt verändern wollen und es auch tun.