ICH RUFE MEINE MITARBEITER NICHT AN. ICH GEHE ZU IHNEN HIN.

Mikkel Andersen und Alexis Angelis planten gemeinsam das EUROGATE Terminal House in Wilhelmshaven. Ein Gespräch über Arbeitskultur und Offenheit.

Mikkel, ihr habt euch damals für den Entwurf von Angelis & Partner entschieden. Was unterschied ihn von den anderen Konzepten?

Mikkel: Es gab Entwürfe, die erfüllten den vorgegebenen Zweck ganz gut. Aber eben nicht mehr als das. Sie waren absolut keine Hingucker, einfach nur zweckdienlich. Andere Konzepte waren dagegen völlig „crazy“. Vordergründig waren sie tolle Blickfänge, aber man hätte niemals darin arbeiten können. Letztendlich geht es darum, eine Mitte zu finden. Was EUROGATE in Wilhelmshaven ausmacht, ist die Art, wie wir miteinander kommunizieren. Und da ist es uns wichtig, dass wir große Büros mit viel Licht haben. Unsere Leute sollen sich gegenseitig kennenlernen und miteinander reden. Das geht besser in schönen, offenen und hellen Großraumbüros.

Ihr habt diesen Auftrag über einen Wettbewerbsgewinn bekommen. Wie seid ihr an den Entwurf herangegangen, Alexis?

Alexis: Wir haben uns gefragt: Was können wir tun, um diesen neuen Hafen neben seinem puren Zweck auch als Erlebnis zu inszenieren, um diesem Aufbruch ein Symbol zu geben. In unserem Entwurf betritt der Besucher das Gebäude vom Parkplatz aus und wird über eine breite Freitreppe ins erste Obergeschoss geführt – wie im Theater. Und dort steht er dann plötzlich im Atrium, kann zum ersten Mal die Weite des Hafens erleben und denkt hoffentlich „Wow“.

Der Hafen ist ja quasi ein Tor in die weite Welt – von hier aus fahren die Schiffe weit über das Meer. Also sollte man das auch erleben und ruhig ein bisschen die Sehnsucht nach der Ferne auskosten. Es gibt diesen schönen Satz von Antoine de Saint-Exupéry: „Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“

Was hat dir am Entwurf von Angelis & Partner am besten gefallen, Mikkel?

Mikkel: Mir gefällt es sehr gut, dass wir in den Büroetagen einen Kern in der Mitte haben, um den herum sich alles aufbaut. Der Clou ist: Alles ist transparent, ohne wirklich offen zu sein.

In der Steuerung des Hafens machen wir auf der einen Seite des Gebäudes die Vorbereitung, auf der anderen Seite die sogenannte „Live Operation“. Beide Seiten müssen sich sehen können, sie müssen sich ab und zu auch mal hören können, aber sie dürfen sich nicht stören. All das klappt hier.

Alexis: Es geht ja darum, ein gutes Open Office zu schaffen. Vor allem aus Amerika kennt man so viele schlechte Beispiele, all die Großraumbüros aus den 1970er-Jahren, in denen die Leute eng gepfercht in Parzellen sitzen. Hier entsteht so eine Situation erst gar nicht. Mikkel, du hast mal erzählt, wie sich eure Arbeitsweise verändert hat in diesem Gebäude. Auch was die Identifikation mit dem Unternehmen betrifft.

Mikkel: Ja, wir sind ein Team, weil wir so offen miteinander umgehen und uns so häufig begegnen. Man redet über alles Mögliche und kriegt auch alles mit – freiwillig oder unfreiwillig. Da sind Leute, die kannten sich vorher gar nicht und fahren nun gemeinsam in den Urlaub, gehen zusammen laufen, treffen sich am Wochenende.

Welche Bedeutung haben in diesem Zusammenhang die Büroräume?

Alexis: Es müssen immer zwei Seiten zusammenkommen: Man kann nicht aus dem Katalog eine offene Bürolandschaft bestellen, wenn man diese Offenheit in der Arbeitskultur nicht lebt. Die Auswirkungen eines Gebäudes werden häufig unterschätzt, auch die Kraft der Identifikation, die im positiven Fall entstehen kann. Wir glauben, dass Gebäude neben der puren Zweckerfüllung auch immer mehr leisten müssen. Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um einen Wert, der zusätzlich entsteht.

Mikkel: Uns war es von Anfang an wichtig, dass die Art und Weise, wie wir das hier gestalten, offen ist. Mein Büro und auch alle Besprechungsräume haben Glaswände, damit man sich immer sieht. So dauern Meetings beispielsweise nicht länger als sie dauern müssen. Das ist irgendwie komisch. Setzt man sich in ein dunkles, geschlossenes Zimmer, dauert es gleich eine Stunde länger.

Alexis: Man muss auch mal überlegen, wieviel Meetings man dadurch spart, dass man sich einfach zwischendurch trifft! An der Stehbar oder auf dem Weg zum Kopierer ... Da hat man dann gerne schon einmal ein Drittel der Themen im Vorbeigehen abgearbeitet, ohne aufwendig Termine abstimmen zu müssen.

Was muss so ein Gebäude noch alles leisten?

Alexis: Die Flexibilität im Innern ist sehr wichtig. Das Gebäude sollte wie ein konfigurierbarer Kasten funktionieren, bei dem man sich die Komponenten passend zusammenstellen kann.

Mikkel: Ja, aber jemand muss dir erstmal sagen, was alles machbar ist. Offenheit und Flexibilität sind ja nur Grundsätze. Aber wie gehen wir das an? Wie gestalten wir das so, dass die Leute sich nicht gegenseitig stören – das wollten wir ja auch vermeiden.

Alexis: Im Grunde ist Flexibilität eine Grundvoraussetzung für modernes Arbeiten. Es gibt Raumangebote, keine Zwänge. Und wenn ich eine zusätzliche Wand in einen vorher offenen Raum einziehen muss, dann geht das, weil das System es so vorsieht und man diese Option vorgedacht hat; es gehört zum Prinzip. Gute Architektur muss beides haben: ein starkes Konzept und Flexibilität.

Und was muss der Nutzer vorgeben? Was kommt vom Architekten?

Alexis: Wichtig ist, dass man sich auf einen Diskurs einlässt. Es geht um etwas Zentrales: Wie wollen wir morgen arbeiten, wie wollen wir leben? So etwas kann man nur gemeinsam entwickeln – Architekt und Nutzer. Man muss einander vertrauen, ins Gespräch kommen.

Ich wehre mich immer dagegen, wenn Leute Architektur reduzieren auf das Äußerliche, auf das Geschmäcklerische. Es geht nicht nur um ein Erscheinungsbild, um Gefallen oder nicht, sondern um handfeste funktionale und natürlich auch wirtschaftliche Überlegungen, die dahinter stehen. Ein wichtiger Faktor, der EUROGATE von unserem Entwurf überzeugt hat, war sicherlich die Wirtschaftlichkeit. Die offenen und großzügigen Flächen stellen sich also bei genauerem Hingucken als wirtschaftlicher dar als das altbekannte Büro. Und dann ist da noch die Flexibilität für die Zukunft ...

Die man mit Leben füllen muss …

Alexis: Ja, Mikkel hat die richtige Arbeitskultur reingebracht. Der Architekt beschäftigt sich fachlich damit, kennt die Prinzipien, die Zahlen, weiß um die messbaren Effekte eines durchdachten Büros.

Wie würdest du deinen Arbeitsplatz und die Arbeitskultur heute beschreiben, Mikkel?

Mikkel: Alles ist viel einfacher, wenn ich einen offenen Arbeitsplatz habe. Das offene Miteinander wäre verdammt schwer, wenn ich durch dunkle Flure von Büro zu Büro laufen müsste. Das funktioniert einfach nicht. Wenn ich etwas von meinen Mitarbeitern möchte, rufe ich sie nicht an. Ich gehe zu ihnen hin. Natürlich erfordern offene Räume auch eine gewisse Disziplin. Jemand der laut redet, stört die anderen.

Gibt es Rückzugsorte bei euch?

Mikkel: Wir haben natürlich die Besprechungsräume, dann Sitzecken, eine Kaffeebar und hier und da kleine Glaskästen, in denen Schreibtische stehen, und wenn jemand seine Ruhe braucht, geht er da hinein.

Alexis: Es muss immer verschiedene Angebote geben und Rückzug muss genauso möglich sein wie ungezwungene Kommunikation und kreativer Austausch. Sicher sind moderne Bürostrukturen für einige gewöhnungsbedürftig, aber ich bin mir sicher: In der Summe hat sowohl das Unternehmen als auch der Einzelne mehr davon.

Mikkel: Alles ist genauso, wie wir es haben wollten. Von hier aus sehe ich nicht nur unseren Terminal, sondern auch den in Bremerhaven und wie die Schiffe unserer Kunden anlegen – und das alles sehe ich von hier aus.

Interview: Annika Behrmann

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ICH RUFE MEINE MITARBEITER NICHT AN. ICH GEHE ZU IHNEN HIN.

Mikkel Andersen und Alexis Angelis planten gemeinsam das EUROGATE Terminal House in Wilhelmshaven. Ein Gespräch über Arbeitskultur und Offenheit.

Mikkel Andersen und Alexis Angelis planten gemeinsam das EUROGATE Terminal House in Wilhelmshaven. Ein Gespräch über Arbeitskultur und Offenheit.

Mikkel, ihr habt euch damals für den Entwurf von Angelis & Partner entschieden. Was unterschied ihn von den anderen Konzepten?

Mikkel: Es gab Entwürfe, die erfüllten den vorgegebenen Zweck ganz gut. Aber eben nicht mehr als das. Sie waren absolut keine Hingucker, einfach nur zweckdienlich. Andere Konzepte waren dagegen völlig „crazy“. Vordergründig waren sie tolle Blickfänge, aber man hätte niemals darin arbeiten können. Letztendlich geht es darum, eine Mitte zu finden. Was EUROGATE in Wilhelmshaven ausmacht, ist die Art, wie wir miteinander kommunizieren. Und da ist es uns wichtig, dass wir große Büros mit viel Licht haben. Unsere Leute sollen sich gegenseitig kennenlernen und miteinander reden. Das geht besser in schönen, offenen und hellen Großraumbüros.

Ihr habt diesen Auftrag über einen Wettbewerbsgewinn bekommen. Wie seid ihr an den Entwurf herangegangen, Alexis?

Alexis: Wir haben uns gefragt: Was können wir tun, um diesen neuen Hafen neben seinem puren Zweck auch als Erlebnis zu inszenieren, um diesem Aufbruch ein Symbol zu geben. In unserem Entwurf betritt der Besucher das Gebäude vom Parkplatz aus und wird über eine breite Freitreppe ins erste Obergeschoss geführt – wie im Theater. Und dort steht er dann plötzlich im Atrium, kann zum ersten Mal die Weite des Hafens erleben und denkt hoffentlich „Wow“.

Der Hafen ist ja quasi ein Tor in die weite Welt – von hier aus fahren die Schiffe weit über das Meer. Also sollte man das auch erleben und ruhig ein bisschen die Sehnsucht nach der Ferne auskosten. Es gibt diesen schönen Satz von Antoine de Saint-Exupéry: „Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“

Was hat dir am Entwurf von Angelis & Partner am besten gefallen, Mikkel?

Mikkel: Mir gefällt es sehr gut, dass wir in den Büroetagen einen Kern in der Mitte haben, um den herum sich alles aufbaut. Der Clou ist: Alles ist transparent, ohne wirklich offen zu sein.

In der Steuerung des Hafens machen wir auf der einen Seite des Gebäudes die Vorbereitung, auf der anderen Seite die sogenannte „Live Operation“. Beide Seiten müssen sich sehen können, sie müssen sich ab und zu auch mal hören können, aber sie dürfen sich nicht stören. All das klappt hier.

Alexis: Es geht ja darum, ein gutes Open Office zu schaffen. Vor allem aus Amerika kennt man so viele schlechte Beispiele, all die Großraumbüros aus den 1970er-Jahren, in denen die Leute eng gepfercht in Parzellen sitzen. Hier entsteht so eine Situation erst gar nicht. Mikkel, du hast mal erzählt, wie sich eure Arbeitsweise verändert hat in diesem Gebäude. Auch was die Identifikation mit dem Unternehmen betrifft.

Mikkel: Ja, wir sind ein Team, weil wir so offen miteinander umgehen und uns so häufig begegnen. Man redet über alles Mögliche und kriegt auch alles mit – freiwillig oder unfreiwillig. Da sind Leute, die kannten sich vorher gar nicht und fahren nun gemeinsam in den Urlaub, gehen zusammen laufen, treffen sich am Wochenende.

Welche Bedeutung haben in diesem Zusammenhang die Büroräume?

Alexis: Es müssen immer zwei Seiten zusammenkommen: Man kann nicht aus dem Katalog eine offene Bürolandschaft bestellen, wenn man diese Offenheit in der Arbeitskultur nicht lebt. Die Auswirkungen eines Gebäudes werden häufig unterschätzt, auch die Kraft der Identifikation, die im positiven Fall entstehen kann. Wir glauben, dass Gebäude neben der puren Zweckerfüllung auch immer mehr leisten müssen. Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um einen Wert, der zusätzlich entsteht.

Mikkel: Uns war es von Anfang an wichtig, dass die Art und Weise, wie wir das hier gestalten, offen ist. Mein Büro und auch alle Besprechungsräume haben Glaswände, damit man sich immer sieht. So dauern Meetings beispielsweise nicht länger als sie dauern müssen. Das ist irgendwie komisch. Setzt man sich in ein dunkles, geschlossenes Zimmer, dauert es gleich eine Stunde länger.

Alexis: Man muss auch mal überlegen, wieviel Meetings man dadurch spart, dass man sich einfach zwischendurch trifft! An der Stehbar oder auf dem Weg zum Kopierer ... Da hat man dann gerne schon einmal ein Drittel der Themen im Vorbeigehen abgearbeitet, ohne aufwendig Termine abstimmen zu müssen.

Was muss so ein Gebäude noch alles leisten?

Alexis: Die Flexibilität im Innern ist sehr wichtig. Das Gebäude sollte wie ein konfigurierbarer Kasten funktionieren, bei dem man sich die Komponenten passend zusammenstellen kann.

Mikkel: Ja, aber jemand muss dir erstmal sagen, was alles machbar ist. Offenheit und Flexibilität sind ja nur Grundsätze. Aber wie gehen wir das an? Wie gestalten wir das so, dass die Leute sich nicht gegenseitig stören – das wollten wir ja auch vermeiden.

Alexis: Im Grunde ist Flexibilität eine Grundvoraussetzung für modernes Arbeiten. Es gibt Raumangebote, keine Zwänge. Und wenn ich eine zusätzliche Wand in einen vorher offenen Raum einziehen muss, dann geht das, weil das System es so vorsieht und man diese Option vorgedacht hat; es gehört zum Prinzip. Gute Architektur muss beides haben: ein starkes Konzept und Flexibilität.

Und was muss der Nutzer vorgeben? Was kommt vom Architekten?

Alexis: Wichtig ist, dass man sich auf einen Diskurs einlässt. Es geht um etwas Zentrales: Wie wollen wir morgen arbeiten, wie wollen wir leben? So etwas kann man nur gemeinsam entwickeln – Architekt und Nutzer. Man muss einander vertrauen, ins Gespräch kommen.

Ich wehre mich immer dagegen, wenn Leute Architektur reduzieren auf das Äußerliche, auf das Geschmäcklerische. Es geht nicht nur um ein Erscheinungsbild, um Gefallen oder nicht, sondern um handfeste funktionale und natürlich auch wirtschaftliche Überlegungen, die dahinter stehen. Ein wichtiger Faktor, der EUROGATE von unserem Entwurf überzeugt hat, war sicherlich die Wirtschaftlichkeit. Die offenen und großzügigen Flächen stellen sich also bei genauerem Hingucken als wirtschaftlicher dar als das altbekannte Büro. Und dann ist da noch die Flexibilität für die Zukunft ...

Die man mit Leben füllen muss …

Alexis: Ja, Mikkel hat die richtige Arbeitskultur reingebracht. Der Architekt beschäftigt sich fachlich damit, kennt die Prinzipien, die Zahlen, weiß um die messbaren Effekte eines durchdachten Büros.

Wie würdest du deinen Arbeitsplatz und die Arbeitskultur heute beschreiben, Mikkel?

Mikkel: Alles ist viel einfacher, wenn ich einen offenen Arbeitsplatz habe. Das offene Miteinander wäre verdammt schwer, wenn ich durch dunkle Flure von Büro zu Büro laufen müsste. Das funktioniert einfach nicht. Wenn ich etwas von meinen Mitarbeitern möchte, rufe ich sie nicht an. Ich gehe zu ihnen hin. Natürlich erfordern offene Räume auch eine gewisse Disziplin. Jemand der laut redet, stört die anderen.

Gibt es Rückzugsorte bei euch?

Mikkel: Wir haben natürlich die Besprechungsräume, dann Sitzecken, eine Kaffeebar und hier und da kleine Glaskästen, in denen Schreibtische stehen, und wenn jemand seine Ruhe braucht, geht er da hinein.

Alexis: Es muss immer verschiedene Angebote geben und Rückzug muss genauso möglich sein wie ungezwungene Kommunikation und kreativer Austausch. Sicher sind moderne Bürostrukturen für einige gewöhnungsbedürftig, aber ich bin mir sicher: In der Summe hat sowohl das Unternehmen als auch der Einzelne mehr davon.

Mikkel: Alles ist genauso, wie wir es haben wollten. Von hier aus sehe ich nicht nur unseren Terminal, sondern auch den in Bremerhaven und wie die Schiffe unserer Kunden anlegen – und das alles sehe ich von hier aus.

Interview: Annika Behrmann